1 Alttoggenburg / St. Iddaburg: In verschiedenen Zeiten belegte Höhensiedlung
Auf dem Höhenrücken der Alttoggenburg
Die ersten prähistorischen Funde und Befunde wurden am 23.4.1955 im Gemüsegarten des Pfarrhauses an der Westkante des Burgplateaus entdeckt und gleichentags noch durch den eilends herbeigereisten Karl Keller-Tarnuzzer bestätigt. In den folgenden zwei Jahren wurden zwei 1m breite und 5 bzw. 3m lange Schnitte (Schnitte 1-4) angelegt, die parallel zu demjenigen von 1955 lagen. Der Verlauf der anstehenden Nagelfluh liess sich nur 1955 über eine längere Strecke verfolgen. Bis etwa 7m von der Westwand des Pfarrhauses entfernt verlief diese praktisch eben, dann senkte sie sich nach einem Absatz auf einer Strecke von 2m um einen halben Meter. Nach einem zweiten Absatz folgte ein steiler Abfall Richtung Murg. Der erste Absatz konnte auch im Schnitt 1 sicher gefasst werden, die beiden südlichsten Schnitte lagen bereits westlich davon. Die Oberfläche der Nagelfluh war teilweise stark verwittert und liess sich leicht abtragen. Diese verwitterte Schicht wurde bei den Grabungen meist entfernt. Die danach hervortretenden Strukturen in der harten Nagelfluh sind als natürliche Gebilde anzusehen. Über der Nagelfluh folgte eine gelbe Lehmschicht, darauf bei guten Erhaltungsbedingungen ein 0,1 – 0,2m Dicke, dunkelbraun-graugrüne, lehmige, mit vielen kleinen Kohlepartikelchen durchsetzte Schicht, die „prähistorische Kunstschicht“. Die zugehörigen Strukturen griffen teilweise in den Lehm ein und drangen sogar bis in die Nagelfluh vor. In Schnitt 2 lag diese Kulturschicht auf einer dünnen Brandschicht, die direkt auf der Nagelfluh ruhte. Über der Kulturschicht folgte eine moderne Planieschicht, die auf dem Plateau 0,5 – 0,7m, im Hangbereich bis 1,3m stark war. Anhand der Funde erfolgte diese Terrainveränderung erst im Zusammenhang mit der Neugestaltung der St. Iddaburg von 1933/34. Die Eingriffe störten die „prähistorische Kulturschicht“ in den Schnitten 4,1 und 3 (Wohl moderne Störungen : Schnitt 4: Pfostenloch/ Grube im Bereich der Rinne – Schnitt 3: östliche Vertiefung.- Schnitt 1: südliche Grube).
Im Schnitt von 1955 waren die Strukturen am besten erhalten und wurden zudem flächig untersucht. An ihn lassen sich die Befunde der anderen Schnitte anhängen. Die Kulturschicht war nur im Bereich der Hangkante erhalten. In der Fläche zeichneten sich nach dem ersten Absatz zwei in die Nagelfluh eingetiefte Rinnen ab. Die erste lief hangparallel (Breite 0,25 – 0.3m, Tief 0,15m) und führte beidseitig des Schnittes weiter. Die andere (Breite 0,3 – 0,4m, Tiefe 0,35m) verlief rechtwinklig dazu und war 1,6m lang. Sie begann 0,8m östlich der ersten Rinne und öffnete sich 0,5m danach gegen den Abhang. Dieser Befund scheint sich in den anderen Schnitten zu wiederholen, wobei die Befunde erhaltungs- oder grabungsbedingt teilweise unklar sind. In allen Schnitten wurden jedenfalls Strukturen beobachtet, die als W-E-laufende Rinnen angesprochen werden können. Fasst man diese einzelnen Beobachtungen zusammen, so können die aufgedeckten Strukturen als Rinnensystem gedeutet werden. Dieses besteht aus einer N-S, d. h. parallel zur Hangkante streichenden Rinne, zu der im rechten Winkel kürzere, sich gegen den Abhang öffnende Rinnen verlaufen. Ihr Abstand schwankt zwischen 0,8m und 1,1m. Die Interpretation dieser Struktur ist schwierig. Handelt es sich um eine Art Entwässerungssystem des Hügelrandes oder dienten die Rillen als Lager für Balken einer Randbefestigung oder einer am Abhang errichteten Baute?
Im Bereich des Chores der Wallfahrtskirche wurde 1957 der Schnitt „Chor West“ geöffnet. Dieser befand sich etwa 5m südwestlich der Ausgrabungsfelder im Gemüsegarten und lag ungefähr parallel zu ihnen. Unter zwei Auffüllschichten und einer Brandschicht lag eine auf eine künstliche Felsstufe gesetzte mittelalterliche Mörtelmauer. Beidseitig dieser Mauer wurden geringe Teile einer „Kulturschicht“ festgestellt, die neben mittelalterlichen Funden auch prähistorische Scherben enthielt. Vermutlich handelt es sich dabei um die letzten, stark gestörten Reste der „prähistorischen Kulturschicht“, welche man im Gemüsegarten fasste. Möglicherweise prähistorisch ist eine maximal 1,3m in die Nagelfluh eingetiefte, einseitig getreppte Grube von 2,3 x 3,4m in der Gartenwirtschaft (Grabung 1957). Zuunterst in der Grube lag eine 0,3 m starke Schicht aus steinigem, holzkohlehaltigem Lehm, welche zwei prähistorische Scherben enthielt. Darüber lagen – zeitlich nicht näher bestimmbar – ein Steinbett mit Bollensteinen und eine holzkohlehaltige Lehmschicht. Den oberen Abschluss bildete eine moderne Aufführung. Aus dem Bereich der Gartenwirtschaft stammen weiter prähistorische Streufunde.
1996 konnte im Bereich der Kreuzwegstation XIV, etwa 80m östlich der Wallfahrtskirche, eine Felsdelle mit mittelalterlichen und prähistorischen Funden beobachtet werden. Ein C14-Datum (UZ-3965/ETH-16657: 1'320 55y BP (d 13 C: -24,5‰)) von direkt auf der Nagelfluh liegender Holzkohle lässt vermuten, dass auch diese Schichten stark durch mittelalterliche und neuzeitliche Eingriffe beeinträchtigt wurden. Funde kamen aber hier noch in grösserer Zahl zum Vorschein.
Die prähistorischen Befunde und Funde konzentrieren sich auf die Westkante des Burgplateaus der Alttoggenburg / St. Iddaburg. Dies hängt damit zusammen, dass dieser Teil durch die Bauten der mittelalterlichen Burg und vor allem der Wallfahrtsgebäude am wenigsten Schaden nahm. Wieweit sich die prähistorische Belegung des Hügels erstreckte, ist heute nicht abzuschätzen. Die Funde im Bereich des alten Wallfahrtsgebäudes und der Kreuzwegstation XIV könnten auch erst durch Planierungsarbeiten des 19. oder 20. Jh. dorthin gelangt sein. Weiter östlich, im Bereich eines markanten Felskopfes („Känzeli“), haben mittelalterliche Bauten jegliche früheren Spuren zerstört. Mit Terrainverlust seit prähistorischer Zeit ist zudem im Bereich der offenen Nagelfluh-Abbrüche zu rechnen. Randständige Bauten dürften also dort aberodiert sein.
Die Bearbeitung der Funde stellt weitere, nicht beantwortbare Fragen an den ergrabenen Befund. Es lassen sich anhand des Fundmaterials zwei Belegungsphasen unterscheiden, die möglicherweise durch eine Siedlungsunterbruch getrennt sind. Gefasst (oder erkannt?) wurde aber nur eine prähistorische Kulturschicht. Die Verteilung der sicher eisenzeitlichen Funde zeigt, dass sie teilweise – zusammen mit bronzezeitlichen Scherben – aus der untersten Abträgen kommen.